Pollença – perfekt anders und anders perfekt

» Jeden Morgen werden neue Chancen geboren. « Hans-Jürgen Quadbeck-Seeberger

Neue Chancen, genau wie zweite Chancen. Denn manchmal lohnt es sich, eine zweite Chance zu vergeben. Einen zweiten Blick zu riskieren. Und nicht vorschnell sein Urteil zu fällen. Auch wenn es natürlich keine Erfolgsgarantie gibt: Lieber ein bisschen Zeit für einen zweiten Versuch verwenden, als sich später vorzuwerfen, es nicht getan zu haben. Das gilt für Menschen ebenso wie für Orte.

Pollença ist ein Ort, an dem man leicht vorbeifahren kann. Beziehungsweise hindurch ohne es wirklich zu merken. Es ist ein Ort der mehr „einfach auf dem Weg“ liegt, während man eigentlich woanders hinwill. Nach Formentor etwa, oder von dort aus nach Sóller. Und wenn schon Pollença das Ziel ist, dann höchstens Port de Pollença, das dazugehörige Hafenörtchen.

In Port de Pollença gibt es Hotels und Restaurants en masse,  einen Strand und schicke Boote – eben die ganzen Dinge, die ein Ort braucht, der vom Tourismus lebt. Ich will auch nicht sagen, dass das schlecht ist. Der Ort ist sauber, die Hotels sind modern und ich habe dort durchaus schon sehr gut gegessen. Aber obwohl es in Port de Pollença eigentlich alles gibt, gibt es doch nichts von dem Charme, den ich an mallorquinischen Dörfern so zu lieben gelernt habe.

Um jetzt den Bogen zum Anfang zurück zu spannen: Nachdem Port de Pollença mich nur mittelmäßig überzeugt hatte,  war das Pollença ohne Port auch erst einmal kein Ort, der auf meiner Must-See-Liste besonders weit oben stand. Zum Glück setze ich meinen Kopf aber nur in 90% der Fälle durch, bei den restlichen 10 Prozent höre ich auch mal auf andere Menschen. Und ich habe gehört, als es hieß: „Pollença ist ganz anders.“ Was habe ich schon zu verlieren, dachte ich mir, und fuhr hin. Ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken: Ich habe es nicht bereut. Denn Pollença IST ganz anders.

Als erstes verdient Pollença ohne Zweifel einen Preis für die schmalsten Straßen der ganzen Insel. Ich habe es noch nie erlebt, dass Autofahrer so oft regulieren müssen,  um einfach nur abzubiegen. Ohne mehrfaches Vor- und Zurückfahren ist es praktisch unmöglich. In einigen Straßen klappen die Fahrer ihre Autospiegel an, um an den parkenden Fahrzeugen vorbei zu kommen. Wer sich das Schauspiel nur angucken möchte, statt es am eigenen Auto zu erleben, parkt besser am Ortsrand.

Die Straßen sind zwar zum Autofahren ziemlich ungeeignet, dafür ist die geschaffene Atmosphäre aber umso schöner. Gemütlich, familiär und so anders, als ich es von Deutschland kenne, dass sich beim Schlendern automatisch diese entspannte Urlaubsstimmung einstellt. Ein weiteres Zeichen, dass man nicht Zuhause: Hier kann man ein Fahrrad noch unangeschlossen, einfach zur Deko vor dem Eingangstor stehen lassen.

In Pollença gibt es außer Strand und Hafen fast alles, was es in Port de Pollença gibt, nur irgendwie in Kleinformat. Boutiquen, Hotels, Restaurants findet man auch hier, nur weniger auffällig und vielleicht ein bisschen exklusiver. Für den besten Eindruck davon sollte man seinen Besuch in die Abendstunden verlegen, wenn die Restaurants beginnen, ihre Türen zu öffnen, die Luft sich abkühlt und alles langsam aus der Wärmestarre erwacht.

Statt des Blicks aufs Meer bietet sich einem hier wieder der Blick auf die Berge. Und auch als absoluter Meer-Liebhaber kann ich sagen, dass mich diese Aussicht inzwischen genauso fesselt. Der Kontrast zwischen diesen beschaulich kleinen Orten und dem überwältigten Tramuntana-Gebirge trifft mich einfach jedes Mal aufs Neue.

Pollença hat mich gerade deshalb überzeugt, weil es – wie schon gesagt – anders ist. Anders als der Hafenort, anders als Zuhause, anders als erwartet. 

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